Bewegung und Selbstregulation verstehen
Die somatische Therapie fragt danach, welche Rolle sogenannte entwicklungsbezogene Bewegungen für die Selbstregulierung spielen.
Fünf grundlegende Bewegungen begleiten uns durchs Leben– Nachgeben (yield), Drücken (push), Sich ausstrecken (reach), Erfassen (grasp) und Heranziehen (pull).
Um diese Bewegungen besser zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick darauf, wie Bewegung im Körper grundsätzlich organisiert ist.
Wie wir Bewegung verstehen können
Bewegung lässt sich aus vier einfachen Blickwinkeln betrachten. Dabei geht es darum, welche Körperteile sich bewegen und wie sie zusammenarbeiten, wie wir unseren persönlichen Raum nutzen und ob wir uns eher klein oder weit machen, ob wir uns sanft oder kraftvoll, langsam oder plötzlich bewegen und wie sich unsere Haltung im Kontakt mit der Umwelt verändert.
Diese Aspekte wirken immer zusammen. Sie zeigen, wie wir mit uns selbst und mit unserer Umgebung in Beziehung stehen.
Der eigene Raum - die Kinesphäre
Jeder Mensch hat einen persönlichen Bewegungsraum – den Raum, den wir mit unserem Körper erreichen können.
Wie wir diesen Raum nutzen, sagt viel darüber aus, ob wir uns Raum nehmen oder uns eher zurückhalten und ob wir Nähe suchen oder eher Distanz brauchen.
Viele Menschen nutzen heutzutage im Alltag nur noch einen kleinen Teil dieses Raums – viele sitzen den ganzen Tag und bewegen sich wenig. In der somatischen Arbeit wird dieser Raum wieder bewusst erfahrbar gemacht und nach und nach erweitert.
Frühe Bewegungsmuster - die Basis im Körper
Unsere Entwicklung folgt natürlichen Bewegungsmustern, die sich im ersten Lebensjahr entfalten. Alles beginnt mit der Atmung als erster und grundlegendster Bewegung. Von dort aus entwickelt sich die Fähigkeit, sich vom Körperzentrum nach außen und wieder zurückzubewegen (Nabelradiation). Es entstehen Verbindungen über die Wirbelsäule zwischen Kopf und Steiß (spinales Muster), Bewegungen beider Körperhälften gleichzeitig (homologes Muster), dann differenzierter zwischen rechter und linker Seite (homolaterales Muster) und schließlich überkreuzende Bewegungen (crosslaterales Muster), in denen beide Seiten zusammenarbeiten.
Diese Muster bauen aufeinander auf und bilden die Grundlage für Koordination, Gleichgewicht und innere Stabilität. Wenn sie gut integriert sind, fühlen wir uns beweglich und präsent.
Innere Körperverbundenheit
Gesunde Bewegung entsteht, wenn der ganze Körper zusammenarbeitet. Man spricht hier von innerer Verbundenheit.
Diese zeigt sich darin, dass Bewegungen leicht und fließend wirken, dass Kraft aus der Mitte kommt und sich gut im Körper verteilt und dass Ober- und Unterkörper miteinander verbunden sind.
Fehlt diese Verbindung, fühlen sich Bewegungen oft anstrengend, instabil oder „abgetrennt“ an und sehen auch so aus. Das ist so, weil Bewegung immer immer zwei Seiten hat: eine körperliche und eine innere, emotionale. Beide beeinflussen sich gegenseitig.
Unsere Erfahrungen prägen, wie wir uns bewegen. Gleichzeitig können neue Bewegungserfahrungen auch unser Erleben verändern.
Genau hier setzt somatische Therapie an: Über den Körper wird Veränderung möglich – ohne dass wir alles „verstehen“ oder „analysieren“ müssen.
Somatische Arbeit mit den grundlegenden Bewegungen
Zurück zu den grundsätzlichen Bewegungen nach Laban/Bartenieff: Sie sind nicht nur Teil unserer frühkindlichen Entwicklung, sondern prägen auch im Erwachsenenalter unsere Fähigkeit zur Körperwahrnehmung, zur emotionalen Regulierung und zur gesunden Beziehungsgestaltung.
Nachgeben (Yield)
Yield steht für Hingabe, Vertrauen und das aktive Loslassen des eigenen Gewichts in die Schwerkraft. Säuglinge entspannen ihren Körper vollständig und lassen sich tragen. Manchmal hängen sie einfach „wie ein nasser Sack“ im Tragetuch, was einen natürlichen Zustand tiefer Regulation und Sicherheit widerspiegelt – der maximale Ausdruck von „Yield“.
Für die Therapie bedeutet Yield, zur Ruhe zu kommen, unser Nervensystem zu regulieren und Selbstfürsorge zu praktizieren. Diese Bewegung bildet die Grundlage für Regeneration.
Drücken (Push)
Push beginnt sich zu zeigen, wenn Säuglinge lernen, ihren Kopf zu heben und sich mit den Armen abzustützen. Es unterstützt die bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers und hilft dabei, Grenzen zu erkennen und zu setzen.
Durch das Drücken spüren wir: Wo höre ich auf, wo beginnt die Welt? Wir bekommen ein Gefühl für Stabilität, inneren Halt und Gleichgewicht.
Push hilft uns, gesunde Grenzen zu entwickeln, es gibt uns Halt und Schutz. In der Therapie fördert Push den Dialog zwischen Körper und Psyche und stärkt das Vertrauen in die eigene körperliche Präsenz.
Sich ausstrecken (Reach)
Reach – Ausdehnung, Erkundungslust, Entwicklung – bringt uns in Verbindung mit allem, was die Welt zu bieten hat: Ressourcen, Unterstützung, andere Menschen. Babys strecken ihre Arme aus und greifen nach allem, was sie bekommen können. Zuerst oft die eigenen Füsschen, dann Menschen und Objekte in Reichweite. Im Erwachsenenalter zeigt sich diese Bewegung in der Offenheit für neue Erfahrungen, Perspektiven und Unterstützung.
In der somatischen Therapie bildet Reach die Grundlage für Beziehungsfähigkeit; die Bereitschaft, in Kontakt zu treten und das Zulassen von Unterstützung.
Erfassen (Grasp)
Grasp beschreibt die Fähigkeit, nach etwas zu greifen und es bewusst festzuhalten. Nachdem wir uns ausgedehnt haben, entscheiden wir, ob das Erreichte uns guttut oder nicht. Diese Unterscheidung ist zentral für persönliche Entwicklung.
In der somatischen Therapie unterstützt Grasp dabei, hilfreiche Erfahrungen zu integrieren und gleichzeitig loszulassen, was uns nicht mehr dient.
Heranziehen (Pull)
Pull geht über das Erfassen hinaus und beschreibt die Integration von Erfahrungen. Dabei ziehen wir etwas zu uns heran und lassen uns davon berühren.
In der somatischen Therapie bedeutet das, Unterstützung wirklich anzunehmen, emotionale Nähe zuzulassen und neue Erfahrungen im Körper zu verankern. Diese Bewegung kann eine wichtige Rolle für nachhaltige Veränderung und innere Stabilität spielen.
Kleine Kinder ziehen sich hoch, um Laufen zu lernen – wir brauchen stabile Beziehungen und ein unterstützendes Umfeld, um uns voll entfalten zu können.
Der Kreislauf der Bewegungen - warum alles zusammenhängt
Die Entwicklungsbewegungen bilden einen natürlichen Kreislauf der Selbstregulation. Nach dem Heranziehen folgt erneut das Nachgeben: Wir integrieren Erlebtes, verarbeiten es und kommen zur Ruhe. Dieser zyklische Prozess ist essenziell für ein reguliertes Nervensystem, emotionale Stabilität und ein gesundes Gleichgewicht zwischen Aktivität und Entspannung.
Unterbrochene Bewegungen und ihre Auswirkungen
Wenn der natürliche Bewegungsfluss durch Trauma, Stress oder belastende Erfahrungen unterbrochen wird, kann sich das langfristig auf unsere Selbstregulation und unser Verhalten auswirken. Schwierigkeiten in der Abgrenzung, im Erleben von Nähe oder in der Körperwahrnehmung können die Folge sein.
Der Tänzer und Bewegungsforscher Rudolf von Laban hat die Tür für die Erkenntnis geöffnet:
Wie du dich bewegst, zeigt,
wie du innerlich organisiert bist.
Die somathische Therapie knüpft daran an und geht einen Schritt weiter:
Wenn du deine Bewegungsmuster veränderst, kann sich auch dein innerer Zustand verändern.










